FILMthuer – Thüringer Kurzfilmfestival „Horizonte 2020“: Ergebnisse

 

Im Fokus des Jahresmottos Horizonte wurde FILMthuer 2020 erstmals im Lichthaus Kino Weimar veranstaltet. Die 16. Festivalausgabe am 19. September fand im Rahmen der Achava-Festspiele Thüringen statt, die als neuer Partner das Thüringer Kurzfilmfestival unterstützt. Intendant Martin Kranz ließ es sich nicht nehmen, das Publikum persönlich zu begrüßen und sich von den aktuellen und hochkarätigen Filmen zum Thema Toleranz und Dialog einen Eindruck zu verschaffen.

Das kleine, feine Festival präsentierte 15 freie Filmproduktionen von Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar, der Filmakademie Baden-Württemberg und Wien sowie von Freischaffenden mit Bezug zu Thüringen. Gezeigt wurde die ganze Palette fiktionaler Genres von Animation über Kurzspielfilm bis zu experimentellen und dokumentarischen Formaten – mutig, kreativ, berührend, gesellschaftlich aktuell und mit starker Aussage. Das Spektrum reichte von Alltagsrassismus, Diskriminierung bis zu Bedrohungen und unüberwindbaren Herausforderungen. „Auch unter besonderen Bedingungen in Zeiten von Corona fanden die Filme ihren Weg auf die große Leinwand“, freuen sich Festivalleiter Hans-Werner Kreidner und Stefan Schmidt, FILMthuer e.V.

 

Preisträger 2020 in der Kategorie Freie Filmproduktion

 

Sonderpreis Bestes Drehbuch

„Nach mir die Sintflut" von Christoph Hertel

(Bauhaus-Universität Weimar, Spielfilm, 19 min.)

 

Der junge Franz kehrt in sein Heimatdorf Klein-Reibach zurück. Das große Jubiläumsfest steht bevor. Erschüttert muss er feststellen, dass sein Ort durch einen Riss im maroden Staudamm bedroht wird. Um das Dorf zu retten, muss er sich gegen die Bewohner stellen, die von der drohenden Gefahr nichts wissen wollen.

Dieser Film schafft den Spagat zwischen Drama und Komik. Ihm gelingt es, eine eigentlich tragische Geschichte durch seinen trockenen Humor und übertriebenen Witz komödiantisch aufzuziehen und uns so mit in eine andere Welt zu nehmen. Eine Welt, die alle Dorfkinder gut  nachvollziehen können. Kleinigkeiten, wie das zu niedrige Mikrofon, die Wurstscheibe an der Metzgergabel oder dem über alles geliebten, mehrfach erwähnten Karussell, zeigen, wie viel Liebe in das Buch und die Umsetzung gesteckt wurden, um den Film in die richtige, komödiantische Richtung zu bringen. Ich fühlte mich sofort wieder in meine Jugend auf „Kerwas“ (Kirmes) zurück versetzt.“ (Laudatio von Jurorin Ines Göbel)  

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Sonderpreis Beste Kamera

„Anstifter“ von Nicolas Schönberger, Leon Brandt

(Bauhaus-Universität Weimar, Clip 2 min.)

 

Ein Stift ist einer der ersten Zeugen journalistischer Arbeit. Ein leicht zu vergessenes, aber in  erster Linie unverzichtbares Arbeitswerkzeug, ohne das die Arbeit eines Journalisten nicht möglich wäre.

„Das im Mittelpunkt stehende symbolische Werkzeug der ‚Schreibenden Zunft‘ wird durch  innovative Bildgestaltung und akribische Kameraarbeit herausragend in Szene gesetzt. Die präzisen und auf den Punkt gebrachten Einstellungen runden das starke inhaltliche Thema ab und sorgen für einen bleibenden Eindruck.“ (Laudatio von Juror Michael Jahn) 

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Sonderpreis Beste Montage

„der und die (Blind Date in Dresden)“ von Peter Böving

(Poetryfilm, 10 min.)

 

Ein Liebesgedicht von Ernst Jandl ist die Grundlage für ein musikalisches „Tête-à-tête“ zwischen einer Dresdnerin und einem Marsmenschen. In einem Mietwagen kommt es schnell zu einer rauschenden Liebesszene, die im Umfeld einer gewalttätigen Montagsdemo im völligen Chaos endet.

„Ein amüsanter und zugleich gesellschaftskritischer Film, erzählt in mehreren Kapiteln und mit etlichen Stilmitteln, und ist zudem hervorragend editiert. Fantastisch und leicht surreal, schafft es dieser Kurzfilm, ein Gedicht in Szene zu setzen. Dabei lässt er viele Interpretationen zu.“ (Laudatio von Juror Florian Arndt)

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Sonderpreis Beste Regie

„Was bleibt" von Chiara Fleischhacker (Erfurt) und Milena  Aboyan

(Filmakademie Baden-Württemberg, Spielfilm, 8 min.)

 

Am Ende ihrer Hochzeitsfeier hat sich die Braut Elaha mit ihren beiden besten Freundinnen im Badezimmer eingeschlossen, um ein künstliches Jungfernhäutchen einzusetzen, doch Elaha zögert. Die Uhr tickt, und das Badezimmer scheint immer kleiner zu werden.

Ein Film, der es vermag, große Themen, hier Tradition, Rebellion und Angst, in einem geschickt gewählten, kleinen Rahmen zu erzählen. In diesem Film überzeugt die Regie durch ihr Feingefühl für authentisches Spiel und eine immersive Kameraarbeit.“ (Laudatio von Juror Arvid Neid)

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Relevanz-Preis 

„Don't Call Me Corona" von Kai Zwettler und Alena Kroker

(Bauhaus-Universität Weimar, Doku, 11 min.)

 

Während Covid-19 sich weltweit ausbreitet, scheint anti-asiatische Diskriminierung fast ebenso ansteckend zu sein. Asiatische Studierende erzählen von ihren Alltagsrassismus-Erfahrungen in Deutschland. Ein Plädoyer für Verständigung und gegenseitiges Verständnis in einer Zeit der Abschottung.

„Ein Film mit einer starken Botschaft, die relevanter und aktueller nicht sein könnte. Die Erlebnisse und Gedanken der Protagonist*innen geben einen ehrlichen Einblick in den Alltagsrassismus in Deutschland. Seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren vermehrt Vorurteile, und man hört immer häufiger von rassistischen Attacken gegenüber asiatischstämmigen Menschen, doch oft wird in der Öffentlichkeit darüber hinweggesehen. Ich bin dankbar für diesen Film, denn für mich zeigt er, wie wichtig es ist, dass wir alle aktiv gegen jegliche Form von Rassismus vorgehen.“ (Laudatio von Jurorin Karoline Vielemeyer)  

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Preis der Jury

„Das Beste Orchester der Welt“ von Henning Backhaus, Matthias Halibrand 

(Filmakademie Wien, Kameramann und Bildgestalter ist gebürtiger Erfurter, Spielfilm, 14 min.)

 

Ingbert, die Socke, bewirbt sich an der Wiener Staatskapelle auf eine Stelle als Kontrabassist. Blöde Idee!

„Dieser Film war bereits mehrfach in den Bereichen Kamera, Drehbuch und Regie unter den Favoriten der Jury. Das zeigt, dass dieser Film in seiner Gesamtheit überzeugt. Den Mut, kein Happy End zu erzählen, dennoch durchweg kritisch und unterhaltsam zu sein, schaffen nur wenige Kurzfilme.

(Laudatio von Florian Arndt, Leiter der Jury)

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Relevanz-Preis FILMthuer   

Regisseurin Chiara Fleischhacker (Erfurt) für ihre Filme  „Golden Girl“ und „Was bleibt“

 

Eine Geschichte über Perfektion, Toleranz und Akzeptanz. Die oft schon im ganz kleinen Kreis beginnt, in der eigenen Familie. Jeder hat Wünsche und Vorstellungen vom Leben, und jede seine eigenen. Celines Vater ist Fotograf und möchte seine Tochter fotografieren - auf seine Art. Doch Celine ist damit unglücklich. Der Wunsch, ihrem Vater zu gefallen, scheint größer zu sein, als ihre eigentliche Intention. Wir wünschen uns Celines Ausbruch, wir wünschen uns, dass sie tut, was sie selbst tun möchte, doch wir sehen ihre Unsicherheit, da sie zwei Dinge möchte, die für ihren Vater nicht zusammenpassen. Sie möchte ihrem Vater gefallen, und sie möchte sie selbst sein. Beides gemeinsam scheint inakzeptabel zu sein. Als sie in der Pause des Shootings zu ihren Freunden auf den Platz geht und Celine „ihr“ Lied tanzt, sehen wir Befreiung. Sie tanzt alles heraus. Sie ist sie selbst. Sie kann selbst bestimmen, sie ist frei. „Golden Girl“ nimmt eine überraschende  Wendung. Vater und Tochter akzeptieren sich, wie sie sind. Die Wünsche beider vereinen sich zu einem gemeinsamen. Ebenso ein sehr besonderer Film ist „Was bleibt“. Geschichte, Inszenierung und Umsetzung sind beeindruckend. Ein Tabuthema spricht alle damit verbundenen Ängste und Sorgen an. Es geht um Akzeptanz. Elahas Freundinnen akzeptieren sie, obwohl sie einen, für ihre Religion inakzeptablen, Fehler begangen hat.

Zwei großartige Geschichten, die Chiara Fleischhacker taktvoll und feinfühlig umgesetzt hat. Deshalb schenken wir ihrer Arbeit als Regisseurin mit dem Relevanz-Preis eine ganz besondere Erwähnung. (Laudatio FILMthuer e.V.)

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Goldene FILMthuer 2020 (Hauptpreis)

Nach mir die Sintflut“ von Christoph Hertel (Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt) Spielfilm,

19 min.

 

Der junge Franz kehrt in sein Heimatdorf Klein-Reibach zurück. Das große Jubiläumsfest steht bevor. Erschüttert muss er feststellen, dass sein Ort durch einen Riss im maroden Staudamm bedroht wird. Um das Dorf zu retten, muss er sich gegen die Bewohner stellen, die von der drohenden Gefahr nichts wissen wollen.

„Ein Drama in drei Akten in Form des besonderen Erzählstils einer Parabel, dramaturgisch und visuell exzellent. Der Film spricht humorvoll ein extrem wichtiges Thema an. Die absurde Passivität und die seltsamem Prioritäten der Menschen in der Klimakrise spiegeln die Figuren klar wider.“ 

(Laudatio FILMthuer e.V.)

 

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